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Das Münchener Atelier
Der ausgebildete Keramiker Beck machte sich 1898 mit der „Kunst- und Kunstgewerblichen Anstalt für die Keramische und Glasbranche“ in der Schwindstraße in München selbstständig. Neben einem Entwurfsatelier besaß Beck auch ein Musterlager für Kunden. Von Beginn an bis 1916 wurde er von seinem Mitarbeiter, dem Maler Max Fischbach (1876-1967), unterstützt. Welchen Einfluss Fischbach auf die Keramik- und Glasentwürfe hatte, ist allerdings nicht nachweisbar. Fischbachs weitere Entwürfe für seine eigene Firma OKA (1918-1927) zeigen eine enge Verwandtschaft mit Becks Gläsern.

(Abb.4) Auch Josef Stadler (1895-1977), ausgebildet an der Glasfachschule in Zwiesel, wird zwischen 1922 und 1932 für Glasentwürfe verantwortlich gewesen sein.(10) Stadler war nach dem Zweiten Weltkrieg technischer Leiter und Entwerfer der Gral-Glashütte in Dürnau, siehe Ausst.Kat. Gralglas. Deutsches Design 1930-1981. München 2011, 221f.
Da Beck kein ausgebildeter Glasmacher war und in seinem Münchener Atelier vermutlich keinen Glasofen besaß, konnte er seine Gläser nur entwerfen und in Glashütten ausführen lassen. Erste Entwürfe von Becks Atelier sind in der Zeitschrift Sprechsaal (1898) belegt, was nahelegt, dass er sich bereits früher mit Glas auseinandergesetzt haben muss. Wahrscheinlich war er während seiner Mitarbeit bei Villeroy & Boch in den 1880er Jahren bereits in Berührung mit der firmeneigenen Cristallerie in Wadgassen gekommen, für die er bis in die 1920er Jahre nachweislich Entwürfe geliefert hat.(11)
Die kalte Veredelung kann in seinem Atelier erfolgt sein. Nachweislich ließ er auch Gläser vom Münchener Glasmaler Franz Scholze veredeln, der auch für den Münchener Entwerfer Adelbert Niemeyer arbeitete.

Abb. 5. Adelbert Niemeyer, Gläser, bemalt von Franz Scholze, München, ca. 1913. Foto: Die Neue Sammlung (A. Laurenzo)
Galvanoplastische Silberveredelung auf seinen Gläsern wurde durch die Württembergische Metallporzellanfabrik Deusch & Co. aus Schwäbisch Gmünd und Carl Spahr aus Geislingen a. d. Steige ausgeführt.
In seinen Inseraten, u.a. in der Festschrift des Nürnberger Bundes 1926, nennt er „Kunst-, Zier- und feinere Gebrauchsgläser“ als seine Waren. Becks Glasproduktion sollte verschiedene Adressaten erreichen - Kunst- und Zierglas-Interessierte als auch einen größeren Kundenkreis, der in elegantes Alltagsgeschirr investierte.
Zusammenarbeit mit Glashütten
Da Beck seine Glasentwürfe größtenteils selber vertrieb, sind wenige Entwürfe bekannt, die von Glashütten selber beworben wurden. Hersteller und Rohstofflieferant für Becks Zier- und Gebrauchsglas waren die Glasfabrik Schliersee, die Becks Gläser auch auf der Gewerbeschau in München 1908 ausgestellt hat, und die Mutterfirma, die Bayerischen Kristallglasfabriken vorm. Steigerwald in Regenhütte, deren stiller Gesellschafter er von 1916 bis 1920 war.

Abb. 6. Jean Beck, Musterblatt für Gläser
Sellner wies bereits daraufhin, dass Gläser außerhalb des Sortiments dieser Hütte für Beck hergestellt wurden. Es ist umstritten, ob Jean Beck für die Theresienthaler Glashütte entworfen hat.(12) Von 1929 bis 1930 übernahm die Frhr. von Poschinger’sche Krystallglasfabrik in Frauenau die Herstellung seiner Gläser.
Ab 1932 produzierten die Bayerischen Kristallglasfabriken vorm. Steigerwald in Regenhütte wieder seine Gläser, deren Teilhaber und künstlerischer Leiter er unter der Direktion von Marianne von Streber-Steigerwald erneut wurde. Josef Stadler übernahm die technische Leitung der Regenhütte und war damit sein wichtigster künstlerischer Mitarbeiter vor Ort.
Jean Beck investiert also als Teilhaber einer Glashütte ab 1916 sein Geld und sein unternehmerisches Talent im Herzen der bayerischen Glasindustrie. Er zeigte damit vor Ort Präsenz und konnte direkt auf Gestaltung und Produktion einwirken. Dies mag man auch als schlauen Schachzug gegen seine Konkurrenten in München und Zwiesel werten, die seine Arbeiten ablehnten und sein berufliches Fortkommen zu verhindern suchten. Wie hoch die Auflage seiner Entwürfe war, ist hier nicht rekonstruierbar. Dennoch müssen sie eine stattliche Höhe gehabt haben, denn sonst wären nicht so viele Gläser noch erhalten.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen Peter Behrens, der für die Rheinischen Glashütten in Köln um 1900 entworfen hat, oder Richard Riemerschmid – seine Entwürfe sind für Benedikt von Poschinger in Oberzwieselau bekannt – wurden Becks Gläser, wie schon vermerkt, nicht nur über Glashütten vertrieben, sondern auch durch ihn selbst. Daher musste er auch Ätzstempel anwenden, um sein Atelier kenntlich zu machen. Dies unterstreicht sein Geschäftspartner Franz Scholze, wenn er sagt: „Diese künstlerischen Arbeiten müssen alle signiert werden, weil solche als Marke im In- und Ausland gesucht und gekauft werden.“(13)
Die variantenreichen Signaturen sind aufgrund gleichzeitiger Verwendung allerdings schwer chronologisch einzuordnen. Nach Götz sei auffallend, dass Becks Gläser konsequenter Signaturen tragen als seine Keramikarbeiten. Daran könne man die Betonung Becks als Gestalter ablesen und damit auch einen Wandel vom angestellten, beauftragten Entwerfer zum selbstständigen, entwerfenden Auftraggeber.(14) Wahrscheinlich ist auch, dass Beck zweigleisig fahren musste, um seine Firma rentabel zu halten. In der Glasbranche konnte er von Beginn an mit seinem Namen für hochwertige Produkte werben, die für ihn hergestellt wurden. In der Keramikbranche war das offenbar nicht üblich, dass ein externer Entwerfer für seinen Vertrieb nach seinen Entwürfen produzieren ließ. So war Beck zunächst beauftragter anonymer Entwerfer für serielles Steingutgeschirr und konnte erst aufgrund des wachsenden Erfolgs seinen Namen einsetzen. Hinter diesem Namen stand dann nicht mehr der Gestalter, sondern das Unternehmen, die Marke Beck.
Präsenz zeigte er auf Messen und Gewerbeschauen wie 1912 auf der Bayerischen Gewerbeschau. Dort teilte er sich den Ausstellungsraum unter anderem mit der Glasmalerin Ida Paulin, der Kristallglasfabrik Frauenau, J. Gistl, dem Kunstmaler aus Starnberg, Josef Emil Schneckendorf

Abb. 7. Joseph Emil Schneckendorf, Gläser, München, um 1904
oder der Glasperlenmacher-Genossenschaft Unterlind aus dem Fichtelgebirge. Nebenan stellten in einem von Else Renz-Vietor gestalteten Raum Franz Steigerwald’s Neffe aus München aus. Die Präsenz der wichtigsten Glasgestalter auf engem Raum wird auch zu Kontakt und Austausch geführt haben.
Die Leipziger Mustermesse
Von besonderer Bedeutung für den Unternehmer Beck ist die Leipziger Mustermesse, auf der er wohl ab 1909 ausstellte und sich ab 1921 ehrenamtlich einsetzte.

Abb. 8. Jean Beck, Artikel zur Leipziger Kriegsmesse, Herbst 1915
Seit sich Beck um den Professorentitel bemühte, haben Firmen seine Anstrengungen unterstützt. Die meisten von ihnen waren auch auf diesen Mustermessen präsent, die bis zum Zweiten Weltkrieg zweimal im Jahr stattfanden: Bayerische Kristallglas-Fabriken vorm. Steigerwald, Ludwigsthal (Regenhütte) und ihre Tochterfirma Glashütte Schliersee; die Metallwarenfabrik F & R Fischer, Göppingen; die Kristallglas-Fabrik Frauenau J. Gistl, Frauenau; der Glas- und Porzellan-Maler Franz Scholze, München; Kristallglasfabrik Benedikt von Poschinger, Oberzwieselau; Keramikfabrik und Kristallglashersteller Villeroy & Boch aus Mettlach. Die Württembergische Metallporzellanfabrik (Deusch) in Schwäbisch Gmünd war ebenfalls auf der Messe vertreten wie der Händler Ludwig Fränkel, der Becks Entwürfe neben Lötz-Gläsern in Berlin verkaufte. Auch Theodor Wieseler, der Leiter des Nürnberger Bundes, stellte auf der Leipziger Messe als Einkäufer aus. Mit dem Händler Wieseler – allerdings nur kurze Zeit – und mit Carl Börger, Direktor der J. P. Kayer Sohn Metallwarenfabrik aus Krefeld, saß Beck seit 1921 im Gutachter-Ausschuss für Musterrechts-Verletzungen.(15) Die engen Beziehungen, die der Unternehmer Beck auf der Leipziger Messe mit seinen gegenwärtigen und zukünftigen Kooperationspartnern pflegen konnte, waren für ihn sicherlich wirtschaftlich von großer Tragweite. Wie diese Zusammenarbeit aussah, wie umfangreich und weitgehend sie war, ist bisher nicht nachweisbar.
Als Mitglied des von ihm angeregten Gutachter-Ausschusses für Musterrechtsverletzungen setzte sich Beck vor allem für eine Stärkung deutscher Erzeugnisse ein, indem er von den Herstellern zusätzliche Auszeichnungen ergänzend zum Gütesiegel „Made in Germany“ forderte.(16) Sein besonderes Verdienst lag darin, dass er sich stark für den Schutz des geistigen Eigentums einsetzte – spannend vor dem Hintergrund der Anfeindungen, denen er ausgesetzt war – und die Arbeit des Gutachter-Ausschusses öffentlich machte. Dieser war vom Sächsischen Wirtschaftsministerium befugt, den Ausstellern über den Zeitraum der Messe amtlichen Schutz „der zur Messe ausgestellten Erfindungen, Muster und Warenzeichen“(17) zu gewähren, wenn noch kein Patent angemeldet oder vom Patentamt noch nichts freigegeben war, und zu schlichten, wenn sich Firmen durch Nachahmung geschädigt sahen. Dieser Schutz war legalisiert vom Reichsjustizministerium in Berlin und wurde immer mehr vom Ausland anerkannt: 1936 gehörten dazu Belgien, Holland, Japan, Italien, Norwegen, Polen, Schweden, die Schweiz und Ungarn. Wie die Zahlen des Leipziger Messeamts belegen, steigerte sich auch stetig das Bedürfnis der Aussteller nach temporärem Schutz; waren es zur Frühjahrsmesse 1925 noch 47 Urkunden, sind es 1938 bereits 223 so genannte „Prioritätszeugnisse“. Auch die Zusammensetzung im Gutacher-Ausschuss veränderte sich bei etwa gleichbleibender Mitgliederzahl von zehn Männern. Er war anfangs stark von Herstellern und Kunstgewerblern geprägt, unterstützt von einem Patentanwalt. 1935 waren vier Patentanwälte involviert, was sehr deutlich eine Professionalisierung bezeugt. Verständlich wird dieser Zusammenhang mit der Industrialisierung in den verschiedenen Branchen, die im Gegensatz zu Beck Massenprodukte herstellten.(18)
Text von Xenia Riemann
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